Das Modell Bilingualität

In Deutschland und in Österreich ist der Stellenwert der Deutschen Gebärdensprache (DGS) beziehungsweise der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) für die Hörgeschädigtenpädagogik in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Verschiedene bilinguale Schulversuche in Wien, Hamburg und Berlin zeigten, wie ein bimodal-bilingualer Unterricht aussehen kann. Es ist absehbar, dass sich bimodal-bilinguale Frühförderung im deutschsprachigen Raum immer weiter etablieren wird.  Diese Art der Frühförderung wird als logischer und notwendiger Schritt in der Weiterentwicklung der frühen Bildungskonzepte für gehörlose und hörbehinderte Kinder angesehen.

Fachleute sind davon überzeugt, dass Kinder mit einer Hörbehinderung mit dem Modell Bilingualität optimal gefördert werden können. Das Modell soll die Schul- beziehungsweise Lern-Situation hörbeeinträchtigter Kinder massgeblich verbessern und somit zu einer höheren Lebensqualität entscheidend beitragen. Vertreter des Modells Bilingualität sehen es als ideal an, wenn gehörlose und schwerhörige Kinder schon vor dem Kindergartenalter über gute Gebärdensprach-Kenntnisse verfügen und bereits in der Lautsprache kommunizieren. Ab dem Kindergarten und im Idealfall ab dem Spielgruppenalter sollte sowohl in Gebärdensprache wie in der Lautsprache unterrichtet werden. 

Nach dem Sonderpädagogik-Konkordat ist die bilinguale Frühförderung in der Familie Sache der Kantone. Hörbehinderte Kinder und ihre Eltern haben einen Anspruch darauf, dass entsprechende Angebote bereitgestellt und die Kosten dafür übernommen werden.

Bilinguale Spielregeln

  • Das Kind erwirbt beide Sprachen gleichzeitig und gleichwertig, so früh wie möglich.
  • Der Unterricht wird so gestaltet, dass beide Sprachen im Unterricht vorkommen.
  • Das Kind hat die Möglichkeit, die Sprachen im Schulalltag zu integrieren.
  • Das Kind muss die Möglichkeit haben, die beiden Sprachen miteinander zu verknüpfen.

Bilingualität in der Schweiz

In der Schweiz entstehen immer mehr bilinguale Angebote. So bieten die Schule für Gehör und Sprache SGSZ in Zürich und das Pädagogische Zentrum für Hören und Sprache (HSM) Münchenbuchsee eine bilinguale Grundstufe für hörbehinderte Kinder an. Die SGSZ ist als Sonderschule für Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung oder einer schweren Spracherwerbsbeeinträchtigung spezialisiert auf die Entwicklung von Kommunikation und Sprache. Der Unterricht ist nach individuellen Förderzielen ausgerichtet und berücksichtigt die sprachlichen Möglichkeiten der Schüler und Schülerinnen. Es wird Deutsch in mündlicher und schriftlicher Form und teilweise Gebärdensprache verwendet. Auch an der Oberstufe für Gehörlose und Schwerhörige Sek 3 werden beide Sprachsysteme – die deutsche Sprache in schriftlicher und mündlicher Form und die Deutschschweizerische Gebärdensprache – benützt und gefördert. Im bilingualen Konzept der Sek 3 kommt die lange Tradition der Schule zum Ausdruck, der Gebärdensprache im Unterricht einen Platz zu geben. Auch der Verein für Sprache und Integration DIMA bietet mit «DIMA Kids» Kurse zur bilingualen Sprachförderung für Kinder mit und ohne Hörbehinderung an.

Das Pädagogische Zentrum für Hören und Sprache (HSM) in Münchenbuchsee hat zusammen mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich und der Universität Heidelberg ein Konzept für die bilinguale Erziehung erarbeitet, das in den nächsten Jahren Schritt für Schritt umgesetzt werden wird. Das HSM versteht dabei Bilingualität im Sinne von Ofelia Garcia als Translanguaging, weil es kaum ein Kind (oder Erwachsenen) gibt, das (der) sowohl die Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS) als auch die Lautsprache (LS) zu 100% beherrscht. Translanguaging bedeutet nicht primär, sich neue Strukturen, einen neuen Wortschatz anzueignen, sondern lernen, mehrsprachig zu leben. Es geht deshalb im Unterricht um die Kompetenz, die jeweilige Sprache im Alltag angemessen der jeweiligen Situation zu verwenden, je nach Notwendigkeit von der einen in die andere Sprache umzuschalten. Die Handlungsorientierung und nicht das Niveau der Sprachbeherrschung spielt in diesem Verständnis eine zentrale Rolle. Um das Konzept in der Institution zu verankern, soll unter anderem auch ein Lehrplan DSGS für das HSM erarbeitet werden. Als Kompetenzzentrum für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen und/oder Hörbehinderungen will die Institution die Kinder und Jugendlichen bestmöglich fördern, damit sie entsprechend ihren individuellen Kompetenzen kommunizieren und an der Gesellschaft teilhaben können. Dabei werden alle Sprachen (Gebärdensprache, Lautsprache, Schriftsprache) gleichwertig berücksichtigt.

Auch das Pilotprojekt Fachstelle Bilinguale Bildung für Gehörlose/Hörbehinderte Graubünden FsB widmet sich der Bilingualität in Erziehung und Bildung. Das bis 2018 laufende Projekt wurde 2013 von der Genossenschaft Fontana Passugg (GFP) und dem Bündner Hilfsverein für Gehörlose (BHV) initiiert. Sonos übernimmt - neben dem Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB-FSS) und dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EDGB) - das Patronat für das Pilotprojekt.

In der Romandie wurde 2011 das Projekt «Coffre à histoires» (dt. Geschichtenkiste) ins Leben gerufen. Initiatoren sind die kantonale Gehörlosenschule Waadt und die Stiftung A-Capella. Die Geschichtenkiste wird auf Anfrage als wöchentliches Ritual in Klassen mit integrierten gehörlosen Kinern durchgeführt. Dabei wird die gesprochene Erzählung gleichzeitig LPC-kodiert (Langage Parlé Complété) und in die Gebärdensprache übertragen. 

In der italienischsprachigen Schweiz wurde 2015 mit dem sozialpädagogischen Dienst des Kantons Tessin eine Vereinbarung unterzeichnet, die die aktive Mitarbeit von gehörlosen Fachpersonen in Schulen vorsieht. Diese verstehen sich als sprachlich-kulturelle Vermittler und unterstützen gehörlose Kinder, welche in hörenden Klassen integriert sind.

Bilingualität in Europa

Bisher war in Europa kaum gebündeltes Wissen darüber vorhanden, wo und wie die nationale Gebärdensprache und Laut-/Schriftsprache für bimodal-bilingualen Unterricht eingesetzt wird. Es bestand dringender Bedarf, den Ist-Zustand in Europa zu dokumentieren, sowie gute bimodal-bilinguale Praxisbeispiele darzustellen und Unterrichtsmaterialien zu entwickeln.

An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich widmet sich das Projekt «De-Sign Bilingual» der Entwicklung und Dokumentation gebärdensprachlich-bilingualer Good Practice in Schulen. Über Erasmus+ wurde eine strategische Partnerschaft zwischen fünf spezialisierten Schulen und vier Hochschulen aus der Schweiz, der Slowakei, Deutschland und Österreich gegründet. 2015 wurden internetbasierte Umfragen bei Expertinnen und Experten 39 europäischer Länder durchgeführt und eine vertiefende Interviewstudie, in der acht Good Practice-Schulen in Europa detailliert beschrieben wurden. Bisheriges Resultat ist unter anderem eine interaktive Landkarte für 39 Länder Europas, die den Stand der bimodal-bilingualen Bildung darstellt. Zudem wurden bilingual-bimodale Unterrichtsmaterialien und Werkzeuge für die Umsetzung im Schulunterricht von gehörlosen und hörenden Lehrpersonen erarbeitet und veröffentlicht. Ebenso wurde eine Anleitung zur Implementierung bilingual-bimodaler Bildung (Bi-bi Toolbox) an Schulen in verschiedenen Schrift- und Gebärdensprachen publiziert.