Schulbildung von Kindern mit Hörbeeinträchtigung

Die adäquate Schulung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf und mit Behinderung ist in der Schweiz gesetzlich verankert. Seit 2008 ist die Sonderpädagogik alleinige Aufgabe der Kantone. Dies bedeutet, dass die fachliche, rechtliche und finanzielle Zuständigkeit der Sonderschulung bei den Kantonen liegt.

Logopädischer Unterricht am Zentrum für Gehör und Sprache (ZGSZ)
Logopädischer Unterricht am Zentrum für Gehör und Sprache (ZGSZ)

Nicht alle Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung sind in der Lage, dem Unterricht in einer Regelschule zu folgen. Um hörbeeinträchtigte Kinder hörpädagogisch angemessen zu schulen und auszubilden, braucht es spezifische Frühförderungsmassnahmen - möglichst von Geburt an. Unter Umständen werden später auch besondere schulische Angebote benötigt. Während die audiopädagogischen Dienste die integrative Betreuung von der Geburt bis zum 20. Altersjahr sicherstellen, übernehmen Schulen für Schwerhörige und Gehörlose die schulische Förderung dort, wo eine integrative Beschulung nicht möglich ist. Diese Schulen haben den Vorteil, Unterricht in kleinen Klassen anbieten zu können. Sie verfügen über fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte, angepasste Methoden, intensive Sprachschulung, technische Anlagen und zusätzliche Therapien.

Die Arbeit von Audiopädagogen beginnt mit der Früherziehung. Später kommt die Begleitung während der Schulzeit und Berufslehre oder weiterführenden Schule hinzu. Auf der Website  Audiopädagogik.ch finden Sie einen Film über Audiopädagogik in der Schul- und Ausbildungszeit.

Welche Schulung für welches Kind?

Die Schulungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen mit einer Hörbeeinträchtigung hängen von vielen Faktoren ab: der Art der Hörschädigung, dem Zeitpunkt der Diagnosestellung, der Kommunikationsentwicklung, von Zusatzbeeinträchtigungen, der Vitalität des Kindes, dem Elternmilieu (Schulverständnis, Familienkommunikation, Förderung), den geltenden gesetzlichen Bestimmungen sowie der Schulmöglichkeiten am Wohnort oder in der Region.

In der Regel sind die Schulungsmöglichkeiten durchlässig gestaltet und werden jährlich anlässlich von Standortbestimmungen (Eltern, Lehrkräfte, Schüler und Behördenvertreter) evaluiert und allenfalls angepasst.

Zu Beginn der Oberstufe wechseln einige Jugendliche von der Regelschule in die Sonderschule wegen der dortigen angepassten Lernatmosphäre und der in diesem Alter wichtig werdenden Fragen zur eigenen Identität. 

  • Schulung in der Regelklasse: Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung und einer gelingenden lautsprachlichen Kommunikationsentwicklung besuchen in der Regel den Unterricht am Wohnort, unterstützt mit audiopädagogischer Beratung oder Förderung. In Einzelfällen kann die Integration von gebärdenkommunizierenden Kindern gelingen, sofern die notwendige Begleitung durch Dolmetschende und durch schulische Audiopädagogen gewährleistet ist. Die audiopädagogische Begleitung in der Deutschschweiz wird durch zehn spezialisierte Dienste angeboten und umfasst – je nach Schulsituation und Lernbedürfnissen vor Ort – Beratung oder zwei bis vier Förderlektionen pro Schulwoche.
  • Sonderschulung: Eine spezialisierte Sonderschulung ist dann angezeigt, wenn ein umfassendes und intensives pädagogisches und therapeutisches Umfeld notwendig ist, damit das betroffene Kind erfolgreich unterrichtet werden kann. Zudem dann, wenn die Verhältnisse am Wohnort zuwenig auf die spezifischen Bedürfnisse der hörbeeinträchtigten Kinder hin optimiert werden können oder auf Wunsch der Eltern nach einer spezifischen Förderung, beispielsweise unter Einschluss von Gebärdensprache. Die auf die Hörbeeinträchtigung spezialisierten Sonderschulen sind eigentliche Zentren mit differenzierten Schulungsangeboten und ausgebauten Zusatzdiensten. In der Deutschschweiz sind dies in Münchenbuchsee/BE das Zentrum für Hören und Sprache, die bimodale Klasse (Laut- und Gebärdensprache) der Gehörlosen- und Sprachheilschule Riehen in Reinach/BL, die Schule für Schwerhörige Landenhof in Unterentfelden/AG, die Schule für Gehör und Sprache in Zürich sowie die Sek 3 in Zürich auf der Oberstufe.
  • Für Jugendliche in der Berufsbildung bietet die Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon spezifisch ausgerichteten Berufsschulunterricht.

Gebärdensprache gehört zum Angebot einer jeden Schwerhörigen- und Gehörlosenschule. Da die Tradition in der Deutschschweiz eine lautsprachlich orientierte ist, sind die Möglichkeiten für einen bilingual-bimodalen Unterricht (Laut- und Gebärdensprache) von Schule zu Schule jedoch noch sehr verschieden.

Landenhof – Zentrum und schweizerische Schule für Schwerhörige

Der Landenhof – Zentrum und schweizerische Schule für Schwerhörige in Unterentfelden (Aargau) bietet neben dem Unterricht vom Kindergarten bis zum 10. Schuljahr auch individuelle sprachtherapeutische Angebote. Dank der hohen Spezialisierung und seiner audiopädagogischen, pädaudiologischen und psychologischen Dienste übernimmt der Landenhof eine Zentrumsfunktion für hörbeeinträchtigte Menschen. Er leistet wichtige Arbeit in der Früherkennung von Hörschädigungen bei Kleinkindern sowie in der Begleitung und Beratung der betroffenen Eltern. Er betreut schwerhörige Kinder in der öffentlichen Schule und unterstützt, wo nötig, junge Erwachsene in Ausbildung.

Die Schule wird von etwa 150 schwerhörigen sowie einigen gehörlosen Schülern aus der Deutschschweiz besucht. Ein Teil wohnt über die Woche im angegliederten Internat. Die Schule beschäftigt etwa 80 Lehrer. Im Internat arbeiten rund 40 Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Der Unterricht wird in Lautsprache abgehalten, der Lehrplan richtet sich nach demjenigen des Kantons Aargau. Die grössten Klassen bestehen aus höchstens 10 Jugendlichen. Der Landenhof geht zurück auf die Stiftung Taubstummenanstalt Aarau, die 1836 von einer Gruppe um Heinrich Zschokke gegründet wurde. Ein Kurzfilm der Audiopädagogik.ch stellt den Landenhof vor.
www.landenhof.ch

Schule für Gehör und Sprache SGSZ

Die Schule für Gehör und Sprache (SGSZ) in Zürich ist eine Tages- und Internatsschule für Kinder und Jugendliche mit einem erschwerten Spracherwerb, bedingt durch eine Hörbeeinträchtigung und/oder durch eine zentrale Wahrnehmungs- und Verarbeitungsproblematik. Die SGSZ ist spezialisiert auf die Entwicklung von Kommunikation und Sprache, gleichzeitig wird auch der kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung Rechnung getragen. Die Entwicklung von Sprachkompetenz, der Erwerb von Wissen und Bildung unter Berücksichtigung individueller Ressourcen sowie die Förderung von Selbst- und Sozialkompetenzen gehören zu den wichtigen Zielsetzungen der Tagesschule und der zusätzlich therapeutischen Unterstützung. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten bildet die Grundlage für ein selbständiges, gelingendes Leben. Das Internat ist als alternatives sozialpädagogisches Angebot zur Sonderschule zu verstehen. Im Wocheninternat können die Schülerinnen und Schüler zwischen 1 bis 4 Nächte (teil- und vollinternes Angebot) übernachten. Das zusätzliche Lernfeld und Förderangebot unterstützt die Entwicklung zu möglichst grosser Selbständigkeit und Partizipation am Zusammenleben.

Ein Kurzfilm auf Audiopädagogik.ch stellt die SGSZ vor.
www.zgsz.ch

Oberstufe für Gehörlose und Schwerhörige Sek 3

Die Oberstufe für Gehörlose und Schwerhörige Sek 3 in Zürich ist ein Lernort für hörbeeinträchtigte Jugendliche aus der ganzen deutschsprachigen Schweiz. Fach-, Sozial- und Selbstkompetenzen sind dort gleichermassen wichtig. Die Chancengleichheit steht dabei im Zentrum. Dank der kleinen Klassengrössen und individueller Förderplanung wird besser auf die Möglichkeiten der Lernenden bezüglich Lerninhalte, Arbeitstempo und Ausdrucksvermögen eingegangen.

Das Angebot umfasst folgende, miteinander kombinierbare beziehungsweise modulare Bereiche: Sekundarschule für Gehörlose (SFG), Teilintegration Oberstufe (TIO) und sozialpädagogisch geführte Wohngruppen (WG). Ein Kurzfilm auf Audiopädagogik.ch informiert über die Sek3.

Sprachheilschule Riehen

Die Sprachheilschule Riehen nimmt sprach- und hörbehinderte Kinder auf, die trotz normaler Begabung Mängel in der Sprachaufnahme und in ihrer sprachlichen Ausdrucks- und Mitteilungsfähigkeit haben und dadurch in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Nachdem vom Logopädischen Dienst eine schwere Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert und durch die zuständigen kantonalen Stellen die Möglichkeit der integrativen Schulungsform am Wohnort geprüft und ausgeschlossen wurde, erfolgt die Überweisung der Kinder an die Sprachheilschule. Bei hörbeeinträchtigten Kindern ist neben der ärztlichen Diagnose eine Abklärung durch den Audiopädagogischen Dienst der GSR erforderlich. 
www.gsr.ch

Pädagogisches Zentrum für Hören und Sprache Münchenbuchsee (HSM)

Das Pädagogische Zentrum für Hören und Sprache Münchenbuchsee (HSM) bietet ein breites Förder- und Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche mit schweren Hör- und Sprachbeeinträchtigungen und deren Umfeld. Das HSM fördert und begleitet Kinder und Jugendliche mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Wahrnehmungs- und Hörbeeinträchtigungen von Geburt bis ins 20. Lebensjahr schulisch, therapeutisch, audio- und sozialpädagogisch im Hinblick auf die Integration in die Regelschule oder die erstmalige berufliche Ausbildung. Zudem steht das HSM als Kompetenzzentrum für Hören und Sprache in engem Kontakt mit Ausbildungs- und Forschungsstätten.
www.gef.be.ch

Sprachheilschule St. Gallen

Die Sprachheilschule St. Gallen unterrichtet in der Sprachheilabteilung Kinder und Jugendliche mit schweren Störungen der Leistungen des Sprech-, Lese- und Schreibvermögens, meist in Folge von auditiven Wahrnehmungsstörungen, motorischen Entwicklungsverzögerungen und/oder Hörverlusten. Das Angebot reicht vom Kindergarten bis zur Oberstufe. In die Unterrichtszeit integriert sind Therapien wie Logopädie, Legasthenietherapie sowie Psycho- und Ergotherapie.
www.sprachheilschule.ch

Sprachheilschule Uznach

Die Sprachheilschule Uznach ist eine kleine, überschaubare Sonderschule und gehört organisatorisch zur Sprachheilschule St.Gallen. Dort besuchen die Kinder aus der Region den Kindergarten und die Unterstufe. Das Ziel ist, die Kinder durch adäquate Sonderschulung und logopädische Einzeltherapie zu fördern und die Integration in die Regelschule ihrer Wohngemeinde anzustreben. Eine Einschulung in die Sprachheilschule Uznach erfolgt auf Empfehlung und Antrag eines Schulpsychologischen Dienstes mit dem Einverständnis der zuständigen Schulbehörde.
www.sprachheilschule.ch

Die Tanne

Die Tanne ist das einzige Zentrum der Deutschschweiz für die Bildung, Betreuung und Beratung von Menschen mit angeborener oder früh erworbener Hörsehbehinderung und verwandten Formen von mehrfacher (Sinnes-)Behinderung. Die Schweizerische Stiftung für Taubblinde bietet ambulante Früherziehung und ein flexibles Betreuungsangebot für Kleinkinder, eine Tagessonderschule mit Internat für Kinder und Jugendliche, Wohnmöglichkeiten und eine Tagesstätte für Erwachsene sowie verschiedene Therapien. Die individuelle Begleitung und Förderung orientiert sich an der jeweiligen Lebensphase, den Möglichkeiten, Interessen und Bedürfnissen der Klienten. Ein Kurzfilm auf Audiopädagogik.ch informiert über die Tanne.
www.tanne.ch

Das FM-System (FM = Frequenzmodulation) verbindet per Funksignal eine sprechende mit einer zuhörenden Person. Durch diese Technologie können Hörbeeinträchtigte in lauten Situationen, in halliger Umgebung und auf Entfernung Sprache besser hören und verstehen. Im Unterricht wird die Kommunikation zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern mit einer Hörbeeinträchtigung verbessert. Auf der Website von Audiopädagogik.ch finden Sie einen Kurzfilm über die FM-Anlage im Unterricht.

Die von Sonos herausgegebene Broschüre stellt Informationen zur sexuellen Gesundheit hörbeeinträchtigter Menschen bereit. Mit Erfahrungsberichten, Checklisten, Literatur- und Filmtipps sowie ausgewählten Adressen.

Irene Eckerli Wäspi: Nicht wegschauen! Hörbeeinträchtigung & sexuelle Gesundheit. Hrsg. Sonos, Zürich 2013, CHF 16.30 (inkl. Versandkosten). Erhältlich über die Sonos-Geschäftsstelle.